Flossenbürg
Bildband will hinter die Fassade der Nazi-Täter blicken
Inszenierung, Schnappschuss, Dokumentation – Fotografien aus dem Lagerkomplex Flossenbürg. Dieses Buch versucht, die Denkweisen und das Selbstbild von SS-Mitgliedern zu entschlüsseln – anhand von Fotos, die SS-ler damals selbst geschossen haben.
Ein Arbeitslager, an dem sich tausende Menschen zu Tode schufteten, war für die Nazis ein Ort der „Wirtschaftlichkeit“. Ein Regime, das Millionen Menschen ermordete, war für die Nazis zum „Schutz der deutschen Volksgemeinschaft“. Wie konnten die Menschen vor knapp hundert Jahren die ungeheuerlichen Grausamkeiten der Nationalsozialisten vor sich selbst rechtfertigen? Was für ein Selbstbild hatten sie? Dieser Frage will ein bald erscheinender Bildband über das KZ Flossenbürg auf den Grund gehen.
„Inszenierung, Schnappschuss, Dokumentation – Fotografien aus dem Lagerkomplex Flossenbürg.“ So der Titel des Bildbandes, der in diesem Sommer erscheinen soll. 260 Seiten mit Fotos aus der Zeit des NS-Regimes, versehen mit Essays von 13 verschiedenen Autoren. Die Idee dazu entstand in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. „Wir haben mal wieder festgestellt, dass wir zu denen, die die Verantwortung tragen für das was im KZ passiert ist, nämlich die SS, fast nichts wissen. Zumindest konkret hier in Flossenbürg“, erklärt Julius Scharnetzky, der federführend an der Entstehung des Sammelbandes beteiligt ist. „Und dann war die Frage: wie kann man sich dem annähern?“
Grausamkeit und Ungerechtigkeiten ausgeklammert
Die Antwort: Über Fotos, die Mitglieder der SS selbst gemacht haben. Sowohl im offiziellen Auftrag als auch im Privaten. Normalerweise haben wir vom Nationalsozialismus Bilder im Kopf, die die Alliierten gemacht haben. Die die Grausamkeit und Unmenschlichkeit der Nationalsozialisten zeigten. Das alles sucht man auf diesen Fotos vergeblich. „Die Gewalt und die menschenverachtenden Bedingungen finden wir hier nicht. Das war auch nicht der Anspruch der SS beim fotografieren. Die Lager sollten als Orte von Ordnung und Effizienz dargestellt werden, das war das Eigenbild der SS.“ Damit sollte auch das eigene Handeln gerechtfertigt werden.
SS-Mitglieder bei der Arbeit, beim Sport und Ausflügen
SS-Mitglieder haben sich stolz in Arbeitskleidung fotografiert, bei Ausflügen oder beim Sport. Ein Foto mit dem Essay-Titel „Onkel Karl reitet“ zeigt zum Beispiel Karl Fritzsch, der sich beim Freizeitsport ablichten ließ. Was das Foto nicht zeigt: Fritzsch war im Lager als Hauptsturmführer besonders gefürchtet und ermordete eigenhändig Gefangene.
Das Buch ist ein Versuch, sich den Tätern des Nazi-Regimes anzunähern. Es sei wichtig, auch einmal die Perspektive der Täter einzunehmen, so Julius Scharnetzky. Nicht um die Täter zu entschuldigen oder verharmlosen, sondern um daraus zu lernen. Denn: „Die Verfolgten hätte es ohne die Verfolger nicht gegeben.“, betont Scharnetzky. „Wir müssen verstehen: Wie funktionieren Mechanismen von Ausgrenzung, von Verfolgung und Vernichtung? Was steckt für ein Selbstverständnis dahinter? Gerade auch, wenn wir auf die Entwicklung von aktuellen Tendenzen schauen.“
Damit soll das Buch nicht nur einen Blick auf die Vergangenheit darstellen – sondern gewissermaßen auch Warnung für die Gegenwart und Zukunft sein.
(az)